Mit Bonaparte siegen oder untergehen

Jakob Hoppstock holt sich Bonaparte Fb 7a+

 Vom Eise befreit sind Mitteldeutschlands Städte – und auch der lästige Nieselregen ist Geschichte. Ich bin gerade aus Teneriffa zurück (Dienstreise – nicht was ihr vielleicht denkt!) und kann die Klagen übers Wetter gar nicht mehr verstehen. Die Sonne knallt am Himmel und dessen Bläue ist mit nichts zu vergleichen. Kurt Hötzels Anruf kam da gerade richtig – das Völkerschlachtdenkmal ist fällig!

Ich werde ganz hippelig, denn dieses Gemäuer hat es mir schon lange angetan. Angeregt von Berichten alter Leipziger Bergsteiger über Teilbegehungen der gewaltigen Verschneidungen an den Flanken des Denkmals hatte ich mir diesen Koloss bereits angesehen und schon im ersten Rotgelben Felsenland auf die enormen Bouldermöglichkeiten an diesem riesigen Felshaufen hingewiesen. Selbst in der Sächsischen Schweiz gibt es wenige Gipfel, die es an Masse mit dem 91-Meter-Koloss aufnehmen. immerhin wurden an der gesamten Anlage 300.000 Tonnen Gestein und 120.000 Tonnen Beton verbaut. Und das ganz unzweifelhaft nicht nur im Sinne des Gedenkens an die Völkerschlacht von 1813 sondern auch im Hinblick auf die zukünftigen Kämpfer um Ruhm und Ehre auf dem vertikalen Schlachtfeld der kleinen Griffe! Denn dafür ist nicht nur das Hauptgebäude sondern auch die vorgelagerten „Bunker“ und Sockel wie geschaffen! Mit ihren etwa 5 Meter hohen Natursteinmauern, die neben Leisten auch Löcher und Risse aufweisen und den dazugehörigen teilweise überhängenden Bleau-artigen Sloperausstiegen hätte sich kaum ein Freizeitarchitekt bessere Boulderziele ausdenken können. Wirken die Bunker auf den ersten Blick etwas abweisend, stellt man nach einigen Versuchen fest, dass es auf allen Seiten Aufstiegsmöglichkeiten gibt. Viele Jahre haben die Leipziger geschlafen, erst ein Besuch von Kletterern aus Halle und Merseburg im Jahr 2005 brachte das Potenzial in den Aufmerksamkeitsfokus des beginnenden Boulderbooms. Die im „Rotgelben“ von 2007 dokumentierten ersten Probleme hatten die Möglichkeiten des Objekts jedoch noch nicht einmal angekratzt. Uwe Schneider, Martin Vogel und Freunde waren es dann, die dem vorgelagerten Bunker die ersten Linien entlockten und im preisgekrönten Boulderfilm L.E. Monkeys dokumentierten. Die „schlafenden Hunde“ waren damit geweckt. Vor allem Jakob Hoppstock und Kurt Hötzel treiben seitdem die Entwicklung sowohl an der DHFK als auch am Gothik-Nabel Deutschlands voran. Und so kommt auch dieser Anruf von Kurt genau zur rechten Zeit. auf nach Leipzig! Wir Hallenser haben das eigene Stadtgebiet schon nahezu vollständig abgegrast und gieren immer nach neuen Problemen. Am Völki gibt es sie zu Hauf. Immer vorne mit dabei: Webmaster Tino mit der eisernen Faust. Sei es die trickreiche Riss-Kantenvariante Bonaparte oder das krasse Bewegungsfest „Angriffswelle“: immer fallen ihm abgefahrene Hooks ein, die aus dem einfachen Greifen und Treten ein wilde Bewegungskombination machen, die für überraschende Lösungen sorgen. Zum Beispiel Angriffswelle: Du greifst Kante und Riss, setzt den Fuß kurz unter die linke Hand und hebelst dich zu einem überraschend auftauchenden Schlitz über der Dachkante hinauf.

Wo ist der miese Schlitz?

Hab ich Dich!

Schon allein das ist ein toller Zug gegen die offene Tür. Nun stehst du auf und musst wieder schneller als die offene Tür mit der linken Hand im Riss über der Dachkante greifen. Dein Körper gerät nun in dieser Position an der Dachkante zunehmend unter Spannung. Du kannst eigentlich nix loslassen, ohne wie eine gespannte Feder aus der Wand zu schnellen. Jetzt kommt der hook zum Einsatz. und zwar nicht irgendeiner, nein, du musst den Fuß so hinter die Kante hooken, dass seine Spitze oben am Dach schabt.

Feiner Riss mit links über der Dachkante

Derart verklemmt kannst du die Hand aus dem Schlitz lösen und oben zur Sloperkante tasten. Was ist denn das dort? Schöpfer oder Architekt haben genau an dieser Stelle eine Winzleiste hinterlassen, die für eine kurze Stabilisierung des Körpers sorgt.

Winzleiste durchzerren, Hook lösen und auf zum fröhlichen Sloperausstieg!

Jetzt muss langsam der Hook gelöst werden und genau das ist das Hauptproblem des Boulders. Schon der geringste Auswärtsdrall schnippt dich aus Dach. Tino hat deshalb den Hookfuß mit der Spitze an der Dachfläche entlangschaben lassen und es so fertig gebracht, den Fuß langsam herumzuziehen und letztendlich auf den Schlitz zu setzen. Mission accomplished – denn das Aufstehen mit der Winzleiste ist dann nur noch Formsache. Auch Kurt, der die Linie wieder einmal als erster gesehen und projektiert hatte, kann diese schwierige Kombination dann endlich aneinanderreihen und ist völlig glücklich. Ich selbst bin völlig begeistert von diesen Zügen und kann dank der Vorarbeit der anderen rasch den Boulder wiederholen.

Hat man dieses Schmuckstück geschafft, muss man dringend die anderen drei-Sterne-Probleme angehen: sei es Instinct (Fb5a), Disillusion (Fb6a+) oder The Crimson Sunset (Fb6c) hier darf man keinen auslassen! Und das ist erst der erste Bunker – von vier!!!

Fritz Meyer ist der Erstbegeher des Zwergenaufstands Fb2

Fazit: Die Oberfläche des Granitporphyrs aus Beucha (in dessen Steinbrüchen bei Brandis ja auch wunderbare Kletterouten entstanden sind)  ist wie erstklassiger Naturfelsen und wir haben es wieder einmal nicht bereut, Kurts Einladung gefolgt zu sein. Nun freuen wir uns auf den Gegenbesuch der Leipziger Freunde am 18. April zur Galgenbergrallye hier in Halle!