Jahreserste am Gohrisch

von Erhard Klingner

Manchmal könnte man meinen, der Zufall bestimmt unser Geschehen und unsere Erlebnisse. Und durch Zufall auch ganz besondere Erlebnisse, die dann viel einprägsamer sind als manch geplante. So auch in diesem Fall, meiner Jahresersten 2010. Bis zu diesem Tag war ich eigentlich als älterer und fast vernünftig gewordener sächsischer Kletterer zu der Meinung gekommen, dass nur ganz Doofe im Winter klettern. Die Zeiten sind schon lange vorbei, wo ich Weihnachten boofen war und zum Jahreswechsel unter einem dunklen kalten Gipfel stand. Wenn mich dieses Jahr jemand danach gefragt hätte (und mein Bergfreund Peter hatte!), ob ich als Kletterer die hohe Ehre anstrebe, als Erster im Neuen Jahr auf einem sächsischen Gipfel zu stehen, so gäbe es die berühmte Geste zur Stirne. Vor allem, weil die damit verbundene Mühsal, Aufwand und Gefahren in keinem Verhältnis zu dem Vorteil stand, einen Spruch ins Gipfelbuch einschreiben zu dürfen.

Auch im Winter ist das Elbsandsteingebirge einen Besuch wert.

 

Bis Silvester gab es Regen bis in die Niederungen und dann Schnee mit ziemlicher Kälte. Ich saß also an einem Januartag ( Montag, 04.01.) nichtsahnend abends bei einer Flasche „Irgendwas“ in meiner abgelegenen Flachlandheimat Leipzig, wo schon Höhenunterschiede von mehr als 3 m als Berge bezeichnet werden, wie der Scherbelberg. Und genau bis dahin war der Gedanke ans Klettern soooo weit weg. Und irgendwie fast nachts (!) kam der Anruf eines Fotografen, der etwas von tollem Gipfel und gutem Wetter nuschelte (hatte er auch etwas getrunken?) und mich dorthin am nächsten Vormittag wollte. Wo waren danach alle meine guten Vorsätze?

Ich fasse mich kurz: Am nächsten Früh 11 Uhr trafen sich ein noch Verrückterer, genannt Knox, und der Fotograf auf dem Parkplatz Papststein, und nach einiger Packzeit liefen ein paar vermummte Gestalten durch den tief verschneiten Winterwald hinauf zum Gohrischstein. Von dort, neben der Wetterfahne, sollte es per Abstieg in die Scharte und dann den kurzen Alten Weg der Schwierigkeit II zum Gipfel der Gohrischscheibe gehen.
Theoretisch war ich schon immer gut. Ich hatte geahnt, dass es kalt wird. Und so schützten mich mehrere Lagen Stoff ganzkörperlich. Genaueres weiß ich dann nicht mehr. Die Besteigung hatte dann mehr mit der Praxis zu tun und vielleicht war auch mein Gehirn eingefroren. Jedenfalls weiß ich noch, dass es einen guten Vorsteiger gab, eben Knox, dem das ganze offensichtlich zu leicht war und der dabei noch viel Spaß hatte. Ich weiß noch, dass das ganze eine ganz schöne Wühlerei war, bei dem man keinen Griff und keinen Tritt vertrauen konnte, dass der mitgenommene Besen das wichtigste Utensil eines Winterkletterers ist und dass der Gipfel gut gewählt war, weil nur der Fotograf in der Sonne stand.

In der Scharte zwischen Gohrischsteinmassiv und unserem Gipfel war dann sowohl der tiefste und als auch der kälteste Punkt erreicht. Nicht aber unsere Stimmung! Es reichte sogar zu einem Wortgefecht über die richtige Sicherungstechnik an dieser Nachholstelle, das sicher noch länger angedauert hätte, wenn die Umstehenden nicht ungeduldig geworden wären. Beim Weiterweg an der Kante wurde ich als Nachsteiger sogar gebraucht. Also war ich an diesem Tag doch nicht ganz umsonst die paar hundert Kilometer gefahren. Da der vereiste Fels oberhalb des Überhangs nur wenig Reibung bot, durfte ich ausnahmsweise mal das Knie hinhalten. Und wenig später hatte Knox  unter eifriger Benutzung des Besens den Kopf oben auf dem Gipfel in der Sonne. Die größte Schwierigkeit hatte er dann, mit einer eisigen Gratwanderung noch ans zwei Meter entfernte Gipfelbuch zu kommen und mich dann über die Baustelle zu ziehen. Ich fühlte mich wie ein sterbender Fisch auf dem Trockenen, als ich über den vereisten kleinen Felsüberhang gezogen wurde. Angebunden am Abseilring kam es sogar zu einer Art Gipfelrast. Der Blick schweifte an diesem herrlichen Wintertag unter dem stahlblauen Himmel über die verschneite und vereiste Landschaft mit den berühmten Tafelbergen. Die Sicht reicht bis zur Schrammsteinkette und sogar der Bloßstock ist noch etwas verschwommen zu sehen. Und die nahe Hunskirche gegenüber am Papst sieht in ihrem winterlichen Kleid richtig märchenhaft aus, wie auch unsere ganze Umgebung und lässt zurückdenken an manche erlebnisreiche Klettertour. Ich musste mir auch von meinem in offensichtlich bester Stimmung befindlichen Vorsteiger noch lange Erläuterungen über die an der Gohrischscheibe befindlichen Kletterwege in der Talseite anhören, so wie: „Wunderbare Risse, schön lang, klemmt gut“ usw. Wahrscheinlich kennt Knox alle Wege in meiner geliebten Sächsischen Schweiz, auch die in abgelegenen, zugewachsenen Nordseiten.

 

Nun kam der Gipfelspruch. Mir fiel ein, dass ich schon einmal vor Kurzem innerhalb von Sekunden einen Gipfelspruch einschreiben musste, bei unserer jährlichen Besteigung des „Bundes der über Sechzigjährigen sächsischen Kletterinvaliden“ über die Höllenhund Talseite. Und da stand dann: „Im Frühling, Sommer, Herbst und Winter ist es in der Sächsischen Schweiz am Schönsten!“ Hier auf der Gohrischscheibe schien mir das dann doch ein bisschen übertrieben, wenn nicht gar unpassend. Aber jetzt, da der Vorsteiger auf den Familiennamen Vogel hört, boten sich unendlich viele, auch humoristische Möglichkeiten an. (Übrigens bei Jäger auch). Er schrieb dann ein: „Vogel heißen, bedeutet nicht nur, fliegen zu können“. Auch gut, wie wahr!. Beim Rückweg halfen uns die Seile. Oben auf dem Gohrischstein belohnte uns  die Sonne und der Tee der lieben mitgegangenen Frauen und die zwei Stunden waren wie im Fluge vorbei und die Jahreserste Geschichte.
Sollte mich nun jemand fragen, ob es kalt war, so sage ich nur, mein Fotoapparat ist dabei eingefroren, die Fingerspitzen auch und die Zeilen hier belegen sicher, das es mein Gehirn auch war!

Kletterkalender Mike Jäger: links oben ist das Winterbild