Todesgefahr an der Selbstsicherung!

Die renommierte britische Firma DMM hat einige simple aber sehr eindrückliche Tests mit häufig verwendeten Schlingen, wie sie sehr gern zur Selbstsicherung verwendet werden, durchgeführt.  Ergebnis: bereits ein 60-Zentimeter-Absacker kann zum Tod führen.

Ursache sind der hohe Sturzfaktor (1 bis 2) sowie die geringe Dynamik des Systems so nah am Standplatz. Dazu kommt, dass die immer häufiger verwendeten Dyneemaschlingen viel statischer wirken, als die herkömmlichen Polyamidschlingen. Letztere halten der Belastung durch ihre Dehnungsfähigkeit überraschenderweise viel besser stand, als die eigentlich viel festeren Dyneemas. Tödlich kann ein einfacher Knoten sein, den man in die Selbstsicherungsschlinge knüpft, um sie auf eine praktikable Länge abzukürzen. Dyneemamaterial sackt in der Bruchlast extrem ab, wenn ein Knoten hineinkommt. Das ist aber nur dann gefährlich, wenn man die Selbstsicherung entlastet und dann mit dem Einbindepunkt, zum Beispiel indem man an der Selbstsicherung etwas hochklettert, so hoch ist, wie der Befestigungspunkt zum Standplatz (Faktor 1).

Mehr zu diesem Thema steht in der Neuauflage unseres "Kinderkopf-und-Affenfaust".

Wer der englischen Sprache mächtig ist und neben den Wagnissen einer 60er-Jahre-Frisur auch die Gefährdungen durch Knoten in Schlingenmaterial durchstehen will, sollte den folgenden Kurzfilm unbedingt ansehen, die Testergebnisse sind erschreckend:

DMM-Schlingentest

Resümee: Die Selbstsicherung immer straff halten und niemals aus der Selbstsicherung irgendwelche Kletterversuche unternehmen.

Faustregel: der Befestigungspunkt der Selbstsicherung am Gurt darf niemals oberhalb des eingeklinkten Selbstsicherungskarbainers sein!

 

Walter Britschgi, bekannter Sicherheitsexperte aus der Schweiz, hat sich eingehender und praxisbezogener zur Schlingenverwendung bei der Selbstsicherung beschäftigt. Lest hier:

Ergebnisse der Untersuchung von Walter Britschgi zu diesem Thema

Keine Panik liebe Leute
es ist alles weit weniger als halb so schlimm

Statement von Walter Britschgi zum Video http://www.dmmclimbing.com/video.asp?id=5

Dieses Video ermuntert zu fehlerhafter Meinungsbildung, dies, weil im Video keine praxisrelevanten Schlussfolgerungen erläutert werden. Es ist blanker Unsinn dieses Video in der Form ins Netz zu stellen, weil es Unsicherheiten und Verwirrungen verbreiten kann. Die voraussichtlichen Folgen sind Gerüchte und Behauptungen - ein guter Nährboden für Mythen. Mythen sind bei der Fülle von technischen Informationen, wie wir sie heute haben, oft kaum als solche erkennbar, selbst Experten tun sich manchmal schwer damit.

Nun zum Praxisbezug:
Die Einsatzbereiche von Polyamid- und Dyneemaschlingen sind bekanntlich
- die Verbindung der Ankerpunkte beim Standplatz
- die Verlängerung einer Zwischensicherung
- die Selbstsicherungsstrippe am Klettergurt

Bereich - Verbindung der Ankerpunkte beim Standplatz
Welche Kräfte sind bei einem Sturz direkt in die Standplatz-Sicherung zu erwarten?
•    Bei einem Sturzfaktor 2  mit dem Sicherungsgerät am Fixpunkt wirken lediglich Kräfte von 2.5 bis 4.5 kN auf die Standschlinge sofern mit einem TRE, Zapomat oder HMS gesichert wird. Beim TRE und Zapomat soll und darf mit geringem Handkrafteinsatz gearbeitet werden. Achtung: Hingegen beim Grigri (Bigwall) können Kräfte bis 9 kN auftreten. Der Zapomat ist damit einfach super genial für eine Bigwall im Yosemite, weil die Bremskräfte dynamisch und optimal sichauswirken.
•    Bei einem Sturzfaktor 1.5 oder gar 1.8 mit dem Sicherungsgerät am Körper (ATC oder HMS) wirken Kräfte von vermutlich bis 6 kN auf die Standschlinge (DAV-Skript, leider ohne Angaben zum Sturzfaktor).
Nebenbei: Bei letzterem Szenario wird der Sichernde ohnehin schwere Verletztungen erleiden und es besteht damit die Gefahr, dass die Sicherung gänzlich ausfällt.
Zum Vergleich - bei einem Sturzfaktor 0.4 wirkt eine Kraft von 1 kN auf den Stand und 4 kN auf die Zwischensicherung, sofern hart gebremst wird. Daraus abgeleitet, vermute ich, dass die oben genannten 6 kN leicht untertrieben sein könnte. Wahrscheinlich wurde in diesem Sturzfaktor-Bereich (1.5 und 1.8) noch nie Messungen durchgeführt.

Aus meiner Sicht ist es also kein Problem am Standplatz die Ankerpunkte mit einer Polyamidschlinge mit Knoten zu verwenden. Schlingen aus Mischgewebe sind aus meiner Sicht auch vertretbar.  Allerdings sollte man mit einer Dyneemaschlinge in der Anwendung zurückhaltend sein, weil diese sich nicht zum Knoten bilden eignen und zudem sehr umstritten sind.
Bereich - Verlängerung einer Zwischensicherung
Die Dyneemaschlinge ist sehr anwenderfreundlich, zum Beispiel die 60cm-Schlinge lässt sich als Expressschlinge sehr schnell verlängern und verkürzen.

Alle Gewebearten (Polyamid, Mix und Polyethylen) sind für Zwischensicherungen bestens geeignet (Dyneema ohne Knoten verwenden)
Detail: Dyneema ist Volksmund, Polyetylen ist der richtige Fachausdruck. Na ja, so wie man jeden Offroader Jeep nennt.

Bereich - Selbstsicherungsstrippe am Klettergurt
Video: Man beachte, dass das Eisengewicht direkt mit der Schlinge verbunden war, so quasi eine Selbstsicherungsstrippe.
Ein Eisengewicht von 80 kg ist starr und entspricht einer "schwabbeligen", menschlichen Körpermasse von ca 90 kg. Springt ein Kletterer analog des Eisengewichts im freien Fall direkt in eine Schlinge ohne Knoten (egal welche Gewebeart) so muss er mit schweren oder gar schwersten Verletzungen rechnen.
Hingegen springt ein Kletterer in eine geknotete Dyneemaschlinge, welche bei ca 10 kN reisst, dürfte die Verletzungsgefahr wesentlich geringer sein. In letzterem Szenario übernimmt unter normalen Bedingungen das Seil und die Partnersicherung das Auffangen des Sturzes. Vorsicht, wer beim Abseilstand, ohne jegliche Seilverbindung am Gurt, irgendwelche Kletterübungen macht und einen Sturz provoziert hat schlechte Karten. 

Geknotete Dyneemaschlingen eignen sich also bestens als Selbstsicherung.

Walter Britschgi