Klifursvæði - oder Klettern auf Island

von Peter Dittert

Wirtschaftskrise…da können wir uns dieses Jahr mal einen teuren Urlaub leisten.
Island wäre nicht schlecht. Steht schon lange auf der Liste und zu Klettern gibt’s da auch was. Weiß ich aus dem www. Ist zwar ein Familienurlaub, aber 2-3 Klettertage kann ich bestimmt rausschinden.

Nach entsprechender Recherche finde ich heraus, dass die Anreise mit eigenem Auto und Fähre zwar die mühsamste, aber auch die billigste Variante ist. Spart locker 1000€.
Am 03.Juli geht’s los. Dank guter Planung werden wir nun die 3 heißesten Wochen des Jahres im wunderbar gemäßigten Klima Islands verbringen. Vorher noch schnell die knapp 1000km bis Hanstholm/Dänemark und die 2 Tage auf der Fähre runtergerissen und schon sind wir da.
Nun beginnen 2 Wochen, in denen ein Naturwunder das nächste jagt. Aber damit will ich an dieser Stelle niemanden langweilen. Ist ja schließlich eine homepage für Kletterer.
Am 1. Tag gucken wir uns den Jökulsarlon, eine herrliche Gletscherlagune südl. des Vatnajökull, mit seinen Eisbergen und Robben…’tschuldigung!
Und am zweiten Tag erreichen wir Hnappavallahamrar, die Felsen von Hnappavellir.

Auf Island reist man auch gern mit dem Privatflugzeug an.

Das heißt, fast. Denn 300m vor dem Ziel versperrt uns ein Flüsschen den Weg. Schuhe aus…durch gewatet…hier fahre ich nicht durch! Isabell atmet auf. Da kommt ein kleiner Junge gespurtet: „Hier fahren alle durch“. Und weg ist er. 5min später ist er wieder da: „Ihr müsst ganz weit links fahren“. Also, ganz weit links noch mal durch gewatet…und als Zufahrt abgewählt. Isabell atmet auf. Auto an die Seite gestellt, Rucksäcke geschultert…da halten 2 Typen mit einem kleinen Opel: „Wir fahren hier immer durch“… und fahren durch. Das lassen wir, der Skoda Fabia Combi II Classic 63kW 1.4 und ich, natürlich nicht auf uns sitzen. Sachen wieder in’s Auto, Isabell atmet ein…ich fahre durch…Isabell atmet auf. Später am Abend verreckt übrigens tatsächlich noch ein Fahrzeug im Flüsschen. Und ich erfahre auch, dass man hier auch gleich mal 2-3 Tage festsitzen kann, wenn das Wasser plötzlich ansteigt.
Egal, nun sind wir erst mal da. Und haben Muße, uns dieses herrliche Fleckchen Erde näher anzusehen. Hnappavallahamrar ist ein ca. 4km langes Basaltcliff auf Meeresniveau mit Wandhöhen von 8 bis 30m. Davor erstreckt sich bis zur Küste ein 2-3km breiter, von Flüssen und Bächen durchzogener  Streifen Weideland. Am NO-Ende des Felsriegels haben die Kletterer einen Zeltplatz mit PC (nein, ihr computer-junkies, gemeint ist ein Plumpsklo), kleiner Hütte, ein paar Sitzgelegenheiten und Grillplatz errichtet.
Und wir haben besonderes Glück. Just an diesem Wochenende findet der Hnappavallamarathon, ein Spaß-Kletter-Wettkampf statt, so daß 30 der 150 isländischen Kletterer vor Ort sind. Unter ihnen auch Jon und Stefan, die Autoren des Klifurhandbok, richtig, des Kletterführers. Diesen erstehe ich natürlich gleich für knappe 10€ direkt beim Erzeuger. Zusammen mit der Aktualisierung, die ich mir unter http://www.klifur.is/is/klifursvaedi aus dem Netz gezogen habe, habe ich jetzt den vollen Durchblick. Nun weiß ich, dass es hier ca. 150 Routen vom Grad 5.5 bis 5.13d (franz. 4a-8b) gibt, wobei der größte Teil geboltet ist.
Als ich Jon gegenüber bemerke, dass hier sicherlich noch Potential für 200 oder mehr weitere Routen ist, meint er, das sei nicht so einfach, man müsse eine Linie am Fels lesen. Und er muss die jungen Wilden ab und zu zur Ordnung rufen, weil diese manchmal doch zu charakterlose „Direttissimas“ einbohren. Also immer schön sachte erschließen.
Und eben diese seine Philosophie bemerkt man beim Klettern ganz deutlich. Ich klettere mit Sarah lediglich Routen im Bereich bis 5.9, aber es sind, mit 2-3 Ausnahmen wunderschöne Linien, in denen Verschneidungen, Kanten, Leisten, Löcher und Reibungskletterei oftmals kombiniert sind. Einziges Manko, die Schwierigkeit definiert sich oft über einen Längenzug.

Unbekannte Schöne in Hornatango 5.9

Zurück zum Alltag. Am Freitagabend hatten wir ja schon das eine oder andere Rütchen gezogen. Am Samstag soll aber nun endlich unser erster richtiger Klettertag auf Island sein, doch…es regnet. Stefan empfiehlt uns eine Wanderung in die Berge oberhalb des Klettergebietes. Und so schauen wir uns eine Felsenbrücke und einen Wasserfall an. Die 20cm dicken Moospolster lassen vermuten, dass es in dieser Gegend nicht zum ersten Mal regnet.
Als wir gegen 16Uhr wieder unten sind, hat es aufgehört zu regnen und der Fels ist trocken. Nun können wir endlich loslegen. Ich möchte mich nicht weiter über einzelne Routen auslassen, denn wie sagte F. Zappa sinngemäß: „Über Klettern zu reden ist wie über Architektur zu tanzen.“ Wir genießen es einfach.

 

Sarah tanzt weder über Architektur, noch redet sie über das Klettern!

Gegen 19 Uhr wird die ganze Bande zusammengerufen. Es gibt Lachsforelle vom Grill. Für einen eher symbolischen Beitrag von 2€ sind wir mit von der Partie. Lakritzeis zum Dessert inklusive. Danach wird weiter geklettert. Um Mitternacht erschallt wieder der Ruf aus der Küche. Jetzt kann man zwischen Kaffee und Kakao wählen. Ich entscheide mich für Bier und plausche mit Jon über Wirtschaftskrise, EU, Elfen-Beauftragte, Klettern…Gegen 2 Uhr krieche ich glücklich und zufrieden in meinen bigpack womans dream. Da klettert, glaube ich, kaum noch jemand.
Am Sonntag dürfen wir das Gebiet bei strahlendem Sonnenschein erleben. So ist das Klettern noch mal ein besonderer Genuss. Allerdings fällt nun der Abschied am Nachmittag besonders schwer. Aber wir wollen ja noch ein bisschen von der Insel sehen. Auch Isabell als Nichtkletterin hat sich wohl ein wenig in die Gegend verguckt. Außerdem stellt sich bei ihr doch langsam isländische Gelassenheit ein.
Und als wir durch’s Flüsschen brettern, ist ihr aufatmen kaum zu hören.