4 Fäuste - eine Geschichte von Karsten Kurz

 16.07.2003
Mein erstes Denkmal
Wann zum ersten Mal der Gedanke an eine Besteigung der Vier Fäuste auftauchte, läßt sich nur erahnen. Anlaß war vermutlich ein Besuch der Hallenser Verwandtschaft. Immer wieder wurde die Umsetzung des Vorhabens, dieses Denkmal zu erklimmen, aufgeschoben. Schließlich bieten Halle und seine Umgebung lohnendere Kletterziele als einen Betonkoloß aus den Tagen des „real existierenden Sozialismus“.

„Erstbestiegen“ wurde das Monument übrigens 1994 während einer Publicityaktion des DAV über eine Bohrhakenroute, die im einschlägigen Kletterführer mit „VIIIc“ eingestuft ist. Später gesellte sich noch der Alte Weg („V“) hinzu.

Im Frühjahr tauchten erste Gerüchte auf, daß das „gute Stück“ im laufenden Jahr abgerissen werden soll. Wenig später inspizierte ich die Vier Fäuste und machte mir ein erstes Bild von der Kletterei. Im engeren Freundeskreis war binnen kurzem Einigkeit erzielt: den Spaß wäre es wert. Warum sollten wir nicht versuchen, die Biwak Redaktion für unser Vorhaben zu begeistern? Der Kontakt ist schnell hergestellt, die Idee fällt auf fruchtbaren Boden. Von Seiten des Fernsehens wird auf eine Begehung des Alten Wegs wenig Wert gelegt. Man ist ausschließlich an der Bohrhakenroute interessiert. Schade, die Massenerstürmung wäre ein schöner Gag gewesen. Aber wer soll die Bohrhakenroute vorsteigen? Von uns bringt das wahrscheinlich keiner. Endlich habe ich die rettende Idee. Ich könnte Gerald Krug, den Autoren des Hallenser Kletterführers, bitten uns zu helfen. Seine Zusage kommt schneller als erwartet. Er wird sich auch darum kümmern, daß Gipfelbuch und Kassette pünktlich zur Stelle sind. Denn diese wurden bereits im Februar vom „Gipfel“ geborgen. In Gedanken verdonnere ich Wolle und Brühpo bereits zu potentiellen und potenten Nachsteigern, behalte diese Idee aber vorläufig für mich.

Nach Einholung sämtlicher erforderlicher Genehmigungen beim Regierungspräsidium von Sachsen-Anhalt, bei der Stadt Halle und beim Denkmalschutzamt (welch Irrsinn) steht nach längerer Zeit der Drehtermin fest. Doch erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. In der Mitteldeutschen Zeitung vom 12.07. wird berichtet, daß bereits am Donnerstag (17.07.03) mit dem Abriß des Denkmals begonnen werden könne, da dieses bis zum Ende des laufenden Monats verschwunden sein müsse. In aller Eile wird umdisponiert.

Punkt 16 Uhr stehen wir vor dem Landesfunkhaus Sachsen des MDR und warten auf das Biwakteam. Kurzes Bekanntmachen, es geht los. Auf der Fahrt werden letzte Details besprochen. Als Ralf - der Redakteur - hört, wie viele Leute sich am Gipfel treffen werden, schläft ihm nahezu das Gesicht ein. Tja tut mir leid, ein wenig Schlitzohrigkeit gehört dazu. Wir liefern die Idee für den Gag und wollen dafür im Gegenzug gemeinsam hinauf.
Bei brütender Hitze ist die Fahrt im klimatisierten Auto der Redaktion eine Wohltat. Auf der Autobahn herrscht weniger Betrieb als befürchtet, zügig erreichen wir den Stadtkern von Halle. Hier kommt es um so dicker. Für den letzten Kilometer brauchen wir eine gute halbe Stunde. Zum Glück sind Albi sowie Gerald bereits vor Ort und haben das Buch an seinen Platz gebracht.

Die Fernsehleute gehen eilends an Vorbereitung und Umsetzung des Drehs. Gerald wird vor dem Einsteigen interviewt. Die zwei künstlichen Griffe, die sich oberhalb des Einstiegs befanden, wurden entfernt. Um so schwieriger wird es werden. Bisher wurde diese Route so nie Rotpunkt geklettert, er will es versuchen.
Unwahrscheinlich, welche Körperspannung hier zum Einsatz kommt. Doch der krümelige Beton offenbart seine Tücken. Von Rotpunkt kann keine Rede mehr sein. Eher stellt sich die Frage, ob er es überhaupt schaffen wird.
Ronny - der Kameramann - hängt mit seinem edlen Teil abwechselnd unter Geralds Füßen, dann wieder in Höhe seiner Hände. Endlich hat dieser die schwierige Steilrampe überwunden und damit den „Gipfelsieg“ in der Tasche. Kurzes Verschnaufen, bevor die letzten leichten Meter in Angriff genommen werden.
Ralf drängelt, ja Mann keine Panik! Wolle macht sich startklar. Bereits der merkwürdige Einstieg fordert viel. Aber nur das Gesicht des Freundes läßt darauf schließen. Für einen Außenstehenden kein Anzeichen der Anspannung. Er steht auf der Rampe und versucht, den Bohrhaken zu erreichen. Ein Versuch reiht sich an den anderen, nur zentimeterweise scheint er aufwärts zu kommen. Schweißtriefend hängt Wolle am ersten Bohrhaken und verschnauft. Schnell reiche ich ihm den Chalk-Bag. Noch einmal Arme ausschütteln, ehe er weiterklettert. Aber egal wie und was er probiert, es geht nichts mehr. Deutlich zu sehen, daß die Finger an den winzigen Betonvorsprüngen halten, nur unter den Füßen krümelt ständig das vermeintlich feste Material weg, verhindert so jegliche Aufwärtsbewegung. Doch Wolle gibt erst auf, als seine Fingerspitzen endgültig durch sind. Nach dem Ablassen streckt er mir wortlos seine Hände entgegen. Blutige Fingerkuppen!

Derweil dämmert Gerald am Ring von einem Bein auf das andere. In wenigen Minuten hat er einen Termin bei seinem Steuerberater. Hastig hangele ich die Strickleiter empor, um ihn abzulösen. In aller Eile wechseln wir ein paar Worte. Nebenher bekennt Gerald, daß die damalige Schwierigkeitseinstufung wohl recht optimistisch gewesen sei und schreibt ohne weiteren Kommentar ins Gipfelbuch: „Wieder einmal eine letzte Besteigung. Gerald Krug Bohrhakenweg (IXb) af“. Eine letzter Händedruck, er seilt ab.
Brühpo begibt sich vor die Linse. Seine sonst üblichen Sprüche verkneift er sich, Anspannung zeichnet sein Gesicht. Es wird ein harter Kampf. So gut und unauffällig es geht, sichere ich ihm jeden gewonnen Dezimeter, habe selbst bald dicke Arme. Ob man im Fernsehen davon noch etwas sehen wird? Von einer sportlich sauberen Begehung kann kaum mehr die Rede sein.
Endlich ist mein Freund oben. Für diese Leistung hat er sich mehr als den sonst üblichen Händedruck verdient. Nee, nee, kein Küßchen! Ich nehme den schweißtriefenden Kerl in die Arme und drücke ihn, bis er sich eine Pause zum Luftholen erbittet.
Eben taucht Wolle grinsend am Ausstieg des Alten Wegs auf, richtet die Sicherung her. Das Kamerateam fragt von unten an, ob wir etwa alle hoch wollten und ob es sich lohne, da oben noch einen Dreh zu machen. Na klar! Eilig seile ich ab, muß mich indessen in Geduld üben. Otto, Jens und Rolf sind vor mir dran. Derweil bouldere ich am Einstieg herum und beschließe für mich eine Solobesteigung. Doch was soll der Ehrgeiz, wir wollten als Team hier hinauf. So reut es mich nicht, als Seilletzter zu steigen auch wenn es noch so einfach ist. Über die Strickleiter wandern erst Kamera und Tontechnik, anschließend das Biwakteam nach oben.

Inzwischen inspizieren wir den Gipfel. Unklar, was sich hier alles findet. Vom Trabbitank, über einen alten bemoosten Turnschuh, Taubenknochen bis zur Bibel hin. Diese weckt unser Interesse. Ohne Blättern finden wir einige Sprüche, die wir vor laufender Kamera rezitieren. Schließlich lassen wir das Buch Gottes achtlos an der Stelle fallen, wo wir es fanden und uns über die Hintergründe unserer Idee interviewen. Aus den gestellten Fragen wird uns allerdings erst im nachhinein klar, daß das eigentliche Anliegen unseres Unterfangens keinem so recht begreiflich ist. Uns ging es nicht um sportliche Höchstleistungen und die Rotpunktbegehung einer schweren Route. Was soll das auch an einem Betonklotz?
Kaum ist die Einstellung im Kasten, drängt die Redaktion zum Aufbruch. Man kann den Klettertag noch nicht einmal beschaulich ausklingen lassen.

Beim Umziehen steht Rolf neben mir. Er freut sich wie ein Kind: „Mein erstes Denkmal, ich danke Dir!“ Solche Worte aus dem Mund eines Mannes, der als einer der ersten alle Gipfel der ehemaligen DDR bestiegen hat. Fast könnte man meinen, dies wäre der letzte Gipfel gewesen, der ihm noch in seiner Sammlung fehlte.