Der Sturz 2014

Vermutlich bin ich kein guter Kletterer – mehr. Vielleicht bin ich es nie gewesen. Wer weiß das schon. Eigentlich reicht das eigene Gefühl dazu, um das zu beurteilen.

 

Das Wohlfühlgefühl nach vollbrachter Tat in den Bergen, dass dann durch (fast?) nichts auf dieser Welt zu ersetzen ist. Aus verschiedenen Gründen bin ich in letzter Zeit nach über fünfzig Jahren Klettern zum Nachdenken gekommen. Man muss nur mal Innehalten im Leben, das eigene Erleben Revue passieren lassen, das in der Vergangenheit und das neue, in Relation zueinander setzen. Vergangenes wieder aufrufen. Und sich mit der Geschichte des Kletterns befassen, speziell des in der Sächsischen Schweiz. Und mit dem heutigen vergleichen. Da fällt das Fazit ganz schnell zu meinen Ungunsten aus. Ich muss dazu nur Albert Kunzes „Plaudereien aus der Erschließerzeit“ 1) lesen. Solch kühne Menschen, welch Abenteuer!  Ich zitiere: „…auch die Schlucht zwischen Bloßstock und Kreuzturm spreizte ich ungesichert ab.“ Und: „…bestiegen wir an mehreren Sonntagen Brosinnadel, Bloßstock und Kreuzturm an einem Tage“. Damals, ca. 1905! Ist nichts hinzuzufügen.

Ja, 1961, war ich im Begriff, die gleiche Kletterlaufbahn einzuschlagen, wie die Alten. Wir dienten uns jeden Schwierigkeitsgrad in der Sächsischen Schweiz hoch, von I bis VII. Trotz langer Arbeitszeit (anfangs wurde auch Samstag bis Mittag gearbeitet), Fahrtkosten und –entfernung (Leipzig). Es ist eine tolle Zeit gewesen, die riesengroße Begeisterung hat uns sozusagen Berge versetzen lassen und kaum irgendwelche Ängste und Zweifel zugelassen. Man konnte ja zurückklettern oder aufgeben. Das kam jedoch in meiner Erinnerung kaum vor, Stürze schon gar nicht, nachdem ich gleich in meiner ersten Klettersaison an der Fliegerwand (!) zu Hause im Klettergarten Steinbruch Kohlenberg merkte, wie schnell eine Wand am Gesicht nach oben fliegen konnte.

Vielleicht spricht zu meinen Gunsten, dass ich immerhin schon über siebzig Jahre mit Klettern im Kopf leben. Und alles überlebt, tausende von großen und kleinen Bergfahrten, durch einen Glücksstern manchmal. Aber nun in den letzten Jahren bin ich ängstlicher und vorsichtiger geworden. Auch oder weil ich immer noch das scharfe Ende des Seiles liebe. Im Gegensatz zu manchen meiner Bergfreunde, die früher einmal zu den ganz großen unseres kleinen aber schönsten Gebirges der Welt zählten. Neuerdings habe ich immer im Hinterkopf, ein dummer Sturz und die Kletterzeit (oder gar die Lebenszeit) wird eine Weile oder für immer unterbrochen. Wie bereits geschehen am Neujahrstag 2005 beim Inlineskaten im Vogtland. Gerade, als ich am Ende meiner beruflichen Laufbahn endlich mal einen Schwierigkeitsgrad zulegen wollte. Ich habe die zwei fast tatenlosen Winter damals (ein Winter Eisen rein, zwei Winter später Eisen raus) als Wink des Schicksals und als Vorwarnung aufgefasst.


Aber wie gesagt, Alter schützt vor Torheit nicht. Und nun, 2014, war es wieder einmal so weit, herunterzufallen. Ungeplant und einfach so. Vielleicht war die Zeit einfach reif, wenn man so jahrelang Klettern geht. Andererseits, warum hat man eigentlich ein Seil dabei. Und, hält das Seil überhaupt? Nun habe ich es wieder getestet. Am 11.06.2014 an der Königsspitze richtig schön durch die Luft geflogen. Viele Jahre nach dem letzten Sturz in der Route Harem an der Suleika im Rathener Gebiet, vorm zweiten Ring. Schön weich, nichts passiert, damals.


Dieses Jahr, an einem Mittwoch war der heißeste Tag des Jahres angesagt, bis 36° C waren prognostiziert. Früher, als man noch jünger und vernünftig war, gingen wir an solchen Tagen nicht klettern. Aber jetzt halten wir Alten uns an dem Spruch: „Nutze die Zeit, so lange du noch lebst!“ und „Schlafen und Ausruhen kannst Du noch lange unter der Erde!“.

Also klettern an einer der schattigsten Stellen Sachsens, hier am Pfaffenstein. Nachdem Hinlaufen von Pfaffendorf aus erst mal in den Schatten stellen und den wunderbaren steilen, abweisend wirkenden Felsen aus Kletterers Sicht aufs Gemüt wirken lassen. Der Fels ist schwarz und alle Wege schauen irgendwie steil aus. Deshalb heißt mein Lieblingsweg auch Schwarze Kante. Er hat nur den Nachteil, dass er für mich ziemlich schwer ist und auch ein bisschen moralisch anspruchsvoll, wie alle Wege von Herbert Richter, mit denen er sich ein Denkmal gesetzt hat. Seit drei Jahren gibt es aber sogar einen Kletterfilm von mir, einfach so als Probefilm meiner Waitzdorfer Kletterfreunde, nachdem ein richtig guter junger Kletterer wegen zu kühner Absicherung abgewunken hatte, diesen vorzusteigen. Ja, diese Kante ist schon etwas Besonderes. Eine schöne Reibung von 25m mit nur zwei Ringen. Und die Schwierigkeit, VIIIa, ist ziemlich weit oben über dem zweiten Ring. Es gibt schöne Geschichten darüber, für einige Kletterer ist die Kante ziemlich leicht, für andere nicht. Der Buschfunk erzählt, einer, es soll Manfred Meißner gewesen sein, hat das in Sandalen geklettert. Und der berühmte Bernd ist angeblich einmal heruntergefallen, fast ganz oben und ziemlich weit, weil er barfuss auf das Seil getreten ist. Vielleicht, weil es ihm zwischen die Zehen geraten ist. Und Dietmar Nickel soll beim Sturz vor langer (DDR-) Zeit mit der Wade im Stahlkarabiner hängen geblieben sein.


Wer weiß schon, ob das alles stimmt. Wie auch das Erreichen des Gipfels durch einen Sprung, ein Siebener Sprung. Unfassbar, wenn man dort steht; aber nicht mehr unglaublich, wenn man meinen Bergfreund Thomas Willenberg in Aktion sieht.


Auch an diesem heißen bewussten Tag war es mir zunächst nicht nach Schwarzer Kante zumute. So wollte ich erst mal leicht und locker den Falkentürmerweg machen, den ich noch aus vergangenen Jahren in guter Erinnerung hatte. Er ist richtig gut gesichert. Außer den an der richtigen Stelle sitzenden zwei Ringen kann man noch gute Schlingen legen. Also eingebunden und los. Kurz vorher hatte ich mich entschieden, doch noch den Helm aufzusetzen, trotz der Hitze. Wie eigentlich fast immer, wenn ich im Vorstieg bin. Man muss ja nur die anderen fragen, die beim Klettern einen Helm aufhaben. Es sind die, die erst nach einem Sturz mit Kopfverletzung diesen aufsetzen. Das wollte ich mir schon immer sparen, zumal ich mir als Sicherheitsfachkraft im Berufsleben eine gewisse Vorbildwirkung erarbeitet hatte. Alles ging gut bis zum zweiten Ring. Schön Rotpunkt sollte die Begehung werden, wie möglichst fast jede. Aber nach dem Ring wurde es schwierig, ich hatte dann zwei Meter über dem Ring dann das Gefühl, dass es vielleicht doch nicht mein Tag ist, aber der Gipfel war sozusagen greifbar nah und so ließ ich mich dazu verleiten, einfach mal anzuziehen und zügig hoch zu greifen, bei VIIb muss ja irgendwo ein großer Griff sein.

Aber er kam nicht, zumindest nicht an dieser Stelle, wo ich ihn vermutete. Ich hatte nur kurz das Gefühl wieder einen ganz großen Fehler gemacht zu haben, und da war ich schon in der Luft. Theoretisch hätte ich wieder gut fallen können in dieser überhängenden Wand. Doch es kam anders, das Seil wurde durch die herausgezogenen Schlingen ziemlich lang und ich schlug nach fast 10 Meter Fallhöhe ganz schön hart mit dem Kopf gegen den Fels. Aber der war ja Gott sei Dank durch den Helm geschützt. Nun hatte ich eines gelernt, nie aufgeben. Nicht nur wegen dem Klettererfolg, sondern vor allem wegen eventuell bleibender moralischer Schäden. Also hangelnde ich erst mal wieder hoch, sammelte mich, betrieb Ursachenforschung und ließ mir anschließend beim nächsten Versuch von meinen Bergfreunden die Tritte unterm Überhang ansagen. Gebracht.
Es wurde dann noch ein guter Klettertag und ich habe wieder viel gelernt und ein interessantes Erlebnis mehr in meinem Leben.


Erhard Klingner im Lehnstuhl zu Hause in Leipzig, September 2004