Klettern 2014, in der Schweiz. Und andere Ereignisse.

1. Vorbemerkung
Erstaunlich, erstaunlich; 71-mal hat sich die Erde um die Sonne bewegt, mit mir und ein paar Milliarden anderer. Den Weltraum durchpflügt und ich lebe immer noch. Außer den Gefahren aus dem Weltraum habe ich mir einige selbst „erarbeitet“.


Auf einem Schweizer Berg: Piz Badile im Bergell

Bin erst mal dazu schon günstig geboren, mitten im zweiten Weltkrieg. Aber dann mit 18 Jahren, eigentlich fast zu spät, als Bergsteiger und Kletterer ging es endlich ein bisschen aufregender zur Sache. So rückblickend muss ich sagen, wo ich war geschah immer etwas. Etwas Besonderes. Bewusst oder unbewusst, ich kann das im Nachhinein nicht auseinanderhalten. Kurz gesagt, vielleicht treffender: Ich stelle mich anderen, die mich noch nicht kennen, mit dem Satz vor, „Gestatten, ich bin ganz berühmt, aber nicht weil ich so gut bin, sondern weil ich so viele Fehler gemacht habe“.  Und alle überlebt! (Sonst stände ich ja nicht da, auch dieser Satz ist ganz schön dumm). Da kann ich ein ganzes Buch füllen und Filme gibt es darüber auch noch. Auch einen, wo ich wahrscheinlich als einziger auf dieser Welt einen ganz breiten Kamin herunterfalle. Auch überlebt. Bin ganz schön nachdenklich geworden in letzter Zeit. Viellicht war es überhaupt das falsche Leben in meinem Leben oder ich habe das alles nur gemacht, damit andere aus meinen Fehlern lernen können. Man muss sie ja nicht zweimal machen. Früher vor der Wende hat mich immer der sozialistische Grundsatz getröstet „Keiner ist umsonst, auch der Dümmste kann immer noch als schlechtes Beispiel dienen“. Aber  heute? Bis heute verfolgen mich Gefahren und Ereignisse, mit denen eigentlich nicht oder kaum zu rechnen ist. Auch dieses Jahr und auch neulich in der Schweiz.


2. Klettern in der  Schweiz
Klettern in der Schweiz? Ja, mache ich, seit ich nach der Wende durch Zufall zwei ganz alte Leute am Penon de Ifach in Spanien kennengelernt habe. Es stellte sich am ersten gemeinsamen Kletterweg heraus, es waren zwei gleichaltrige Kletterer aus dem Bergell bzw. Berner Oberland. Gute Kletterer, fast als Hausmeister ihres Klettergebietes zu bezeichnen. Na ja, keine Kunst, sie haben ja nicht viel anderes in Ihrem Leben gemacht. Der eine hat als Bergführer ein bisschen seine Grenze bewacht, der andere Polizist gespielt. Denn gefährliche Einsätze hatte nach eigenen Angaben immer seine Frau gemacht. Da mein Lebensweg irgendwie ähnlich war, verstanden wir uns sofort gut und ab da waren wir jährlich hier und dort. Hier war ich der Berg(ver)führer, dort war ich oft am scharfen Ende des Seiles mit dem schönen Gefühl, dass hinten die Bergführer die Verantwortung für mich trugen. Muss ein ganz tolles Gefühl sein, wenn man zufällig tot ist und nichts dafür kann!? Dann könnte man endlich frei nach Morgenstern so schön sagen: „…und er kommt zu dem Ergebnis, nur ein Traum war das Erlebnis, weil so schließt er messerscharf, nicht sein kann was nicht sein darf!“.

Trotzdem zerrten die schweizerischen Plaisierrouten oftmals ganz schön an meinem sächsischenschweizgestählten Nervenkostüm. Ob im Eldorado (fast verdurstet), an den Gelmenhörnern, Röstipfiiler (Abseilseil hängengeblieben), Val die Mello (nur alte Rostgurken von Haken), Gastlosen, Sanetsch und Hintisberg (von jungen Kletterinnen abgelenkt), Chamonix, Aguille di Midi, Rebuffatroute (Keile vergessen).


Luna Nascente 6b im Val die Mello

Und nun sollte es dieses Jahr ins Wallis gehen. Und? Genau, es kam, wie es kommen musste. Aber ganz anders.

3. Klettern im Wallis oder Der Wasserfall, Ende Juni 2014
Wallis klingt schon gut. In dem Wort sind schon sozusagen alle Superlative der Schweiz enthalten. Und tatsächlich ist es auch ein bisschen so, zumindest wie ich diesen Kanton aus meiner Sicht als Kletterer, Wanderer und Alkoholiker kenne. Sozusagen eine Landschaft für alle verschiedenen Neigungen des Menschen vom Genießer bis zum Bergsteiger. Aber wie gesagt für alle, wenn man keine Fehler macht. Zwar hatten wir, Sepp und ich, bedingt durch die Dialektunterschiede am Telefon, uns im Monat geirrt (Juni - Juli), aber dann kam doch noch eine gemeinsame Kletter-Campingwoche zustande. Auf dem einsamsten Zeltplatz am Wasserfall bei Martigny.
Ich hätte auf den Werbespruch im Werbeprospekt hören sollen: „Wallis hat 90% Sonnentage...!“. Der Wetterbericht im Radio klang täglich anders, also gingen wir erst mal wandern und mussten täglich den Spott der Frauen in der Sonne ertragen: „Wolltet ihr nicht klettern?“. Schon am Spätnachmittag des zweiten Tages nach der obligatorischen Wanderung stürmten wir los, nach Dorenaz. Und? Genau! Nach der 3. Seillänge kam das drohende Gewitter doch noch und es wurde eine Flucht nach unten mit einer interessanten nassen Abseilaktion, bei der wir ein Seil hängen lassen mussten.
Aber am nächsten Tag begrüßte uns ein blauer Bergsteigerhimmel, wir holten unser Seil aus dem Schattenreich des gestrigen Kletterweges, der noch nass war und wechselten hinüber nach Mieville. Dort wurden wir in der kleinen 150m Wand mit der Route Pilipili 5c+ belohnt. Für den Anfang schon ganz schön schwer,man wird eben älter (aber nicht kälter!).
Der nächste, nun schon vierte Tag, sollte ein erster Höhepunkt werden. Schon jahrelang hatte Sepp von der Dalle de l Amone (sprich "Daldelamon") im Val de Ferret geschwärmt, wie etwa: Riesige Kalkplatte, genau gemacht für dich, schön lang mit 14 Seillängen, wie du es magst, traumhafter Fels usw. Ich hätte spätestens dann stutzig werden sollen, als auf meine Frage nach Kletterführer, Wegbeschreibung, Bewertung nur ausweichende Antworten kamen: „Ist im Plaisierführer nicht enthalten, war früher mal schwerer, kenne den Weg…!“. Aber da Schweizer in der Welt als grundsätzlich genau und zuverlässig eingestuft werden, nahm ich es am Ende klaglos hin. Das Tal selbst sollte sich schon als ein Traumziel erweisen. Warum denn Klettern, wenn man auf so tollen bunten Blumenwiesen mit Blick auf die steilen vergletscherten Berge liegen kann? Aber die weiße Kalkplatte sieht dann klein, harmlos und einladend gut aus. Um 11 Uhr am Einstieg und tatsächlich schon nach 10 Seillängen interessanter Kletterei  im gerade noch leichten 6. Französischen Plaisiergrad schon fast oben. Und? Genau! Genau um 13 Uhr, die Sonne stand über uns im strahlendblauen Himmel und von einer Sekunde auf die andere kam ein armdicker Wasserstrahl auf uns herab! Wahrscheinlich hat die kräftige Junisonne den Schnee oben in den weißen Bergen geschmolzen und einen kleinen See zum Überlaufen gebracht. Erst mal gelang es uns, aber nicht die Seile, trocken zu bleiben. Da war guter Rat teuer, denn unser Weiterweg ging genau diesen kleinen aber schönen nassen Wasserfall  hinauf. Am Ende also hinunter, 10 Mal abseilen. Ganz einfach, theoretisch, wenn man sich konzentriert und aufpasst. Aber da habe ich meine bewährte Methode mit der verlängerten Abseilacht und dem sichernden Schleifknoten an der Gurtschlaufe. Unangenehm wurde es nur, wo ich als Vorausgehender den Standplatz verfehlte. Und dann wird’s ganz dumm, wenn die 50m- Seile fast aus sind und dir kein Mensch helfen kann. Ein einzelner Bohrhaken muss dann mit nicht gutem Gefühl die Rettung sein. Und unten hörte man fast den Stein plumpsen, der aus dem Herzen fällt. Es war dann eines der wunderschönsten Gefühle auf dieser Erde danach doch noch auf einer dieser erwähnten Wiesen zu liegen.
Die restlichen Tage beschenkten uns noch mit weiteren Klettererlebnissen, ohne besondere Ereignisse. Wenn man mal von dem vergessenen Seil am Pierre Avoi absieht. Aber über solche einfachen Fehler muss man nicht groß sprechen. Was man nicht im Kopf hat…
Ich merkte dann doch schon, älter geworden zu sein: Meine schönsten Tage im Wallis waren am Ende die Wanderungen in die großen Seitentäler der Rhone. Und nicht mehr die Felswände. Wir kommen wieder, so lange es noch geht.

Erhard Klingner im August 2014 in Leipzig