Russland 2007 - Der Weg ist kein Ziel - auf nach Osten!

Wir hatten den Landweg gewählt. Es sollte eine neue alte Erfahrung werden.

Der Juli 2007 hatte Chris und mich der Sommertrip nach Rumänien geführt. Es war eine Dienstreise, denn wir probierten den neuen Kletterführer „Dimension Vertical“ aus und mussten sozusagen Testklettern. Wir trafen viele Freunde, schlossen neue Bekanntschaften und kletterten jede Menge neuer und steiler Routen. Nach zwei schönen Wochen sollte es nach Osten gehen, dort, wo meine mentale Kletterlandkarte noch mysteriöse weiße Flecken aufwies. Nach Russland!

Steffen Heimann aus dem No Limit hatte uns eingeladen, an einer Enwicklungshilfeaktion für das russische Klettergebiet „Indjuk“ bei Sotschi in der Nähe der Schwarzmeerküste teilzunehmen. Es gebe dort besten Sandstein, viele Gipfel und weithin unberührten Fels. Es sollte eine Kletterexpedition mit Hilti und hunderten Klebehaken werden. Zum Abschluss war ein Kletterwettkampf mit Teilnehmern aus ganz Russland geplant.

Der Blick auf die Europakarte verriet uns, dass wir auf dem Weg in's Kaukasus-Vorland hier in Rumänien bereits mehr als die halbe Strecke geschafft hätten. Optimistisch dachten wir uns, das Auto in Rumänien stehen zu lassen, und bestechungs- und stressfrei mit ÖPNV weiter in Putins Zarenreich zu schaukeln. Natürlich gab es einige kleine Hindernisse.

Problem Nummer eins: Moldawien. Rumänien hat im Südosten zwar eine 150 Kilometer lange gemeinsame Donaugrenze mit der Ukraine, aber keinen einzigen Grenzübergang. Die einzige Straße von Galati führt durch einen 1 Kilometer (!) breiten moldawischen Streifen. Dafür wäre ein moldawisches Visum in Höhe von 50 Euro nötig, war unsere letzte Information. Das wollten wir natürlich nicht und so sahen wir uns nach einer Fähre über`s Schwarze Meer um. Ein schöner direkter Weg mit Entspannungsfaktor. Doch wir wurden enttäuscht. Die einzige rumänische Fähre geht nach Istanbul, ansonsten tauften wir es in „Schwarzes Loch“ um, zumindest aus verkehrstechnischer Sicht. Nach langer Internetrecherche entdeckte ich den entscheidenden Hinweis: die Einreise nach Moldawien ist für EU Bürger seit 1.1. visumsfrei. Na dann mal los! Doch so schnell schießen auch die rumänischen Preußen nicht. Denn es gibt keinen Bus über die Grenze. Überhaupt habe ich keinen Rumänen getroffen, der schon einmal in der Ukraine war. Die Westausrichtung der Rumänen ist enorm. Der Osten scheint für sie nicht zu existieren…

Notgedrungen machen wir uns mit dem Taxi zum letzten EU-Schlagbaum auf. Dort erwartet uns die nächste Grätsche im osteuropäischen Grenzhürdenlauf: Es ist verboten, die Grenze zu Fuß zu überqueren! Da hilft es nichts, man muss sich Räder wachsen lassen. Oder dem Taxifahrer ein gutes Trinkgeld gönnen. Denn der spricht kurz mit dem Grenzbeamten, welcher sofort das erste Auto in der Warteschlange requiriert und uns kurzerhand zu den verdutzten Moldawiern in den Wagen setzt. Dass es sich dabei um einen Lada handelt, muss ich sicherlich nicht erwähnen. Nach einer Rekordzeit von weniger als einer Stunde haben wir die erste (Rumänisch-Moldawische) Grenze geschafft. Welch ein Fortschritt: in den 80ern musste man für eine rumänische Grenze noch 24 Stunden einplanen!

Eigentlich ist es uns ein wenig peinlich, als ungebetene Gäste in einem Auto zu sitzen, aber dankbar sind wir schon, dass wir unsere üppigen Rucksäcke nicht noch den extra Kilometer bis zur nächsten Grenze buckeln müssen. Eine 5-Euro-Note hellt auch den griesgrämigen Blick des Fahrers schlagartig auf und so scheiden wir mit gutem Gewissen.

Meister der Logistik: ein Lama im Lada!
Meister der Logistik: ein Lama im Lada!

Nun ist Schluss mit lustig. Steif gebügelte Uniformen, finstere Blicke und spätkommunistisches Ambiente machen uns schnell klar, dass der Westen hier endgültig zu Ende ist. Hoffentlich wissen die Genossen hier auch, dass die Ukraine seit 2 Jahren visafrei ist. Es wäre nicht das erste Mal, dass dieses Wissen erst mit kleinen Geschenken hervorzukitzeln wäre. Tief sauge ich die Luft ein und erinnere mich noch genau, wie es damals war, als uns 1989 an der tschechischen Grenze das letzte offene Reiseland versperrt worden war. Doch die Jahre sind vergangen und so wollen wir doch mal schauen, ob uns unser ostiges Verhaltensrepertoire hier von Nutzen sein kann. Regel Nummer eins von hier ab bis zum chinesischen Meer: Gesicht wahren! Nicht ausflippen, aber auch nicht lächeln. Denn die kulturelle „Lächelgrenze“, jenseits derer man Fremde beim Erstkontakt anlächelt, haben wir unwiederbringlich hinter uns gelassen. Außerdem ist die westliche Lächelkultur allzu oft oberflächlich und von Verkaufsmotiven getragen. Allerdings wird auch mein rumänischer Gruß hier nur abweisend ignoriert. Später erfahre ich auch warum: obwohl in Moldawien über 75 % der Bevölkerung rumänisch ist, hat Putin über die russische Minderheit im Osten des Landes und eine raffinierte Repressionspolitik seine Marionetten an die Macht gebracht. In der Ukraine betreibt man zwar eine vorsichtig distanzierte Politik zum übermächtigen Nachbarn Russland, doch hier im Süden des Landes, vor allem aber auf der Krim, gibt es mehr Russen als Ukrainer. Die Grenzsoldaten sind also komplett russischsprachig, worauf wir uns schnell einstellen. Der Offizier, der kritisch unsere Pässe inspiziert, fragt mich dann auch sofort misstrauisch, wo ich denn als Deutscher Russisch gelernt hätte. Und dann beginnt das alte Spiel von Warten und Warten lassen. Wie zufällig versperren wir mit unseren Rucksäcken die Gänge und behindern, wo wir nur können. Das wirkt. Währen die griechischen Autofahrer draußen genervt ihr gesamtes Gepäck ausladen, hereinschaffen und präsentieren müssen, kommen wir ohne die Durchschnüffelung unserer zugegeben nicht mehr ganz frischen Unterwäsche davon. Wir verlassen die Station doch werde ich noch einmal zurückgerufen, weil ein kleines Zettelchen abzustempeln ist. Dann ist die letzte Hürde gefallen und wir sind in der Ukraine.

Es war immer heiß!
Es war immer heiß!

Wir wappnen uns mit Geduld, denn in der trostlosen Agrarsteppe mit den sprichwörtlich endlosen Feldern ist keine Menschenseele – vor allem aber kein fahrbarer Untersatz - zu sehen. Die Griechen, welche die Grenzstation als nächstes verlassen müssten, dürften gerade ihre Badehosen wieder zusammenfalten, von denen ist also noch nichts zu erwarten. Bald jedoch können wir ein Schwarztaxi nach Reni, der ersten ukrainischen Kleinstadt, bekommen. Nach zwei Stunden Wartezeit geht es zügig - Chris bevorzugt das Wort halsbrecherisch - im Minibus weiter nach Odessa, wo die nächste Runde im Reisespiel beginnen soll. Doch unterwegs werden wir abermals aufgehalten, und nach einem genauen Blick auf die Karte erschließt sich uns auch warum: Noch einmal zwei Kilometer Moldawien! Dort, wo der Dnjestr sich in eine riesige Bucht des Schwarzen Meeres ergießt, bleiben wir erneut an einer dieser blockierenden Stalingrenzen stecken. Eine lange Autowarteschlange markiert den späten Triumph des Diktators. Doch wie durch ein Wunder kann der Bus vorbeifahren und nach kurzer Zeit und ohne Kontrollen kommen wir durch. Ein weiteres Mal segnen wir unseren eher von Vorsicht als von Wissen geprägten Entschluss, das Auto in Rumänien zurückzulassen.

Endlich Odessa! Von dieser wichtigen Handelsmetropole planen wir, bequem per Zug weiter durch die Nacht bis in unser Ziel Krasnodar nördlich des Kaukasus' zu gelangen. Ich wollte schon einen Arzt holen und hielt die Unbeweglichkeit der Dame bei der Bahnhofsauskunft für Leichenstarre als sie die Lippen ihres versteinerten Gesichtes öffnete und ein unscheinbares „übermorgen“ von sich gab. Weitere Auskünfte waren ihr nicht zu entlocken.

Der Bahnhof Odessa
Der Bahnhof Odessa.

Überhaupt schienen mir der Trubel und die Überfüllung des schicken mit Marmor getäfelten Bahnhofspalastes von Odessa in keinem Verhältnis zu der Anzahl der abfahrenden Züge zu stehen. Denn das waren null. Trotzdem standen einige gut gefüllte Eisenbahnen auf den Steigen und waren immer wieder Ansagen zu hören, aus denen meine lückigen Sprachkenntnisse ein ums andere mal die Orte herauszufiltern versuchten. Die Erkundigung in einem freundlichen (!) Reisebüro ließ auch die Seewegsoption endgültig absaufen. Auch in Russland gibt es keine Fähren über das Schwarze Meer. Ich frag mich nur, wer immer die vielen gestrichelten Linien in die Atlanten pinselt.

Wir nutzten die letzte verbliebene Option, und nahmen einen Nachtbus auf die Krim. Vom letzten Zipfel dieser Halbinsel wollten wir dann mit der Fähre in's Zarenreich. Ob das so ohne weiteres ginge, wussten wir natürlich nicht. „Pasmotrim“ – schaun mer mal – wie der Russe sagt.

Die Nachtfahrt im Reisebus war erträglich aber der folgende Tag quälte uns erneut mit über mehr als 40° Celsius in klappernden Ikarusbussen. Simferopol, Feodosija, Kertsch – nie hätte ich gedacht, dass die Krim über fast die gesamte Ausdehnung nur eine karge Steppe ist. Allein der technisch genialen Anlage eines Wasserkanals, der sich vom Dnjepr über die schmale Landnehrung durch die gesamte Halbinsel zieht, ist es zu verdanken, dass die riesigen tischebenen Flächen bewässert und landwirtschaftlich genutzt werden können. Einige Kilometer östlich von Kertsch endet die Krim und eine etwa 5 Kilometer breite Meeresstrasse trennt uns von Russland. Und hier endet die Visumsfreiheit. Wir haben Visa im Pass, sind aber trotzdem gespannt, wie sich diese letzte Grenze wohl anfühlt. Zunächst gut, denn unser Bus darf erneut an der Autoschlange vorbei und nach etwa 2 Stunden auch auf die Fähre. Gemeinschaft geht vor Individuum, dieser Kernsatz der östlichen Lebensphilosophie kommt uns als Busfahrenden diesmal überaus zugute. Denn es passen nur 16 Autos auf die Fähre, wenn man eng parkt. Das ist den Ukrainern aber egal, 12 reichen ja auch und die restlichen können warten. Auf der Rückreise in einem privaten Auto werden wir hier geschlagene 7 Stunden in der Hitze braten… Allgemein machen es sich Ukrainer und Russen gegenseitig so schwer wie möglich. Das Reich des Bären bereut noch heute bitter, dass Chrustschow 1954 in einem simplen Verwaltungsakt die überwiegend russische Krim einfach so der Ukraine zugeschlagen hat. Das war damals nicht so dramatisch, Chrustschow war zwar Ukrainer aber vor allem Sowjetmensch und an einen Zerfall der Sowjetunion hat damals niemand gedacht. Jetzt gibt es allerdings Tränen, denn eine Mutter hat keine Geburtsurkunde für ihr Kind und darf die Grenze nicht passieren. Auch sonst wird penibel kontrolliert. Vermutlich will man Terroristen das Handwerk schwermachen, aber warum hier gesucht wird und nicht im Kreml, will mir nicht einleuchten.

Der Bärenfelsen
Der Bärenfelsen.

Schließlich bringt die Fähre auch die – verglichen mit der Wartezeit auf beiden Seiten – lächerlich kurze Distanz über die Meeresstrasse von Kertsch hinter sich. Drüben heißt es wieder aussteigen, warten, kontrollieren lassen, dumme Fragen beantworten, wieder warten.

Irgendwann geht auch das zu Ende und der Bus fährt weiter Richtung Krasnodar. Doch halt! Nach zwei Kilometern gibt es eine erneute Kontrollstation. Zwischendurch verlief die Straße auf einer schmalen Halbinsel ohne den geringsten Abzweig. Was hier kontrolliert werden könnte, was nicht schon kontrolliert worden war, können wir uns beim besten Willen nicht denken. Aber für das Denken wird hier niemand bezahlt. Stoizismus und Geduld sind die höchsten Tugenden. Wir üben uns reichlich darin, erreichen abends Krasnodar und am nächsten Morgen mit der Eisenbahn (!) Tuapse.

Die Felsen von Indjuk.
Die Felsen von Indjuk.

Dort holt uns Steffen Heimann ab und wir gelangen nach 2 Stunden schweißtreibendem Bergaufmarsch in das Klettergebiet „Indjuk“. Ein Kleinod der Natur, auch wenn sich der angekündigte Sandstein als vulkanischer Tuff herausstellt. Da dessen Qualitäten für das Klettern diejenigen des Sandsteins übertreffen, genießen wir in den folgenden zwei Wochen das Klettern in dieser ursprünglichen Natur, helfen, neue Routen einzubohren und erliegen dem Erstbegehungswahn. Gipfel bis zu 80 Meter Höhe kann man hier erstbesteigen!

Erste Begehung von Kremltanz 6c, 2 SL.
Erste Begehung von Kremltanz 6c, 2 SL.

Gemeinsam mit Max Foigel, dem Hausmeister des Gebietes, seinen Freunden und der Arbeitsmaschine Steffen Heimann und seiner Frau Ilka schaffen wir über 30 Touren bis 7b+, die zum Kletterwettkampf Sportlern aus ganz Russland präsentiert werden. Die Finalroute der Herren erweist sich sogar als noch wesentlich schwerer und bleibt unbesiegt.

Erstbegehungsausrüstung.
Erstbegehungsausrüstung.

Erst die Arbeit ….
Erst die Arbeit ….

… dann das Vergnügen! Christiane Hupe bei der 1. Begehung des „Frauenverstehers“ 6c
… dann das Vergnügen!
Christiane Hupe bei der 1. Begehung des „Frauenverstehers“ 6c.

Auf der Rückfahrt machen wir einen Abstecher zu den Klettergebieten der Krim. Von Simferopol, der Inselhauptstadt, folgen wir der längsten und langsamsten Trolleybuslinie der Welt über die Krimberge bis hinab zur Küste des Schwarzen Meeres. Steil fällt das Gebirge zur Küste hin ab. Immer wieder blitzen große und kleine Kalksteinfelsen durch die mediterranen Wälder. Da die Temperaturen jedoch mörderisch sind und die meisten Wände nach Süden weisen, geben wir nach drei Tagen auf und machen uns auf den Heimweg. Der Sommer ist nicht die richtige Jahreszeit für die Krim. Und auch der Rückweg ist kein Ziel …

Lange Mehrseillängentouren sind das Beste auf der Krim.
Lange Mehrseillängentouren sind das Beste auf der Krim.

Am „Segel“ finden sich auch kurze Sportklettereien.
Am „Segel“ finden sich auch kurze Sportklettereien.

Steffen Heimann schwitzt sich einen Riss hinauf.
Steffen Heimann schwitzt sich einen Riss hinauf.

Der Rote Felsen (Krasnui Kamen) ist das beliebteste Sportklettergebiet bei Russen und Ukrainern, da man direkt daneben zelten kann.
Der Rote Felsen (Krasnui Kamen) ist das beliebteste Sportklettergebiet bei Russen und Ukrainern, da man direkt daneben zelten kann.

Fazit:

Das Klettergebiet Indjuk ist ein lohnender Abstecher für Kaukasusreisende. Wer Lust auf richtige Ostgrenzen im alten Stil hat, dem empfehlen wir den Landweg durch die Ukraine. Allen anderen das Flugzeug (Moskau-Krasnodar).

Wer mehr über das Gebiet erfahren möchte, findet Fotos, Anfahrtsbeschreibungen, Karten und Topos unter www.climbinduk.org (russisch).

Klettergebiete am Schwarzen Meer.
Klettergebiete am Schwarzen Meer.

Überblick Klettergebiet Indjuk.
Überblick Klettergebiet Indjuk.

Das komplette Topo steht zum Download im Anhang bereit ;-)
Das Topo steht zum Download im Anhang bereit ;-)

Inzwischen ist ein kompletter Kletterführer erschienen (zwar auf Russisch, aber mit Karten und Topos auch ohne profunde Sprachkenntnisse verwendbar). Wer diesen haben möchte, fragt einfach über das Kontaktformular an und ich besorge ihn.

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Topo_Sosed_Lestnitza2.pdf1.1 MB