Indien 2006/2007 - zwischen Armut und Faszination

Ankommen

Natürlich hatten wir schon viel von Hampi gehört, jenem Boulderparadies an ungezählten Granitblöcken. Aber was uns viel mehr reizte, war der Aufbruch in eine neue, unbekannte Kultur. Und diese Kultur versetzte uns zunächst einen Schock. In Mumbai (früher Bombay) angekommen, holte uns Benni, ein Bekannter, der als Freiwilliger in einer sozialen Einrichtung arbeitete, vom Flughafen ab. In einem Vorort Mumbais schaute ich dann aus dem Fenster.

„Schau Dir die Strohhütten an, da draußen!“ Sagte Benni und zeigte auf die ärmlichen Behausungen, die fast schon im Straßengraben standen. “Das sind diejenigen, denen es schon etwas besser geht. Und nun sieh Dir mal den freien Platz dort an!“ Ich schaute auf den Platz, konnte aber ausser braunem Staub nichts erkennen. Oder doch? Da bewegte sich doch was. Tatsächlich – in dem braunen Staub waren viele kleine Hügel, von denen sich einige sogar zu bewegen schienen. „Das sind alles Menschen, die nichts besitzen, die schlafen hier in der Trockenzeit“ erklärte mir Benni. Ich sollte sie noch zu hauf kennenlernen, die Armen, Bettler, Vertriebenen und Mittellosen.

Obdachlose in den Straßen von Mumbai
Obdachlose in den Straßen von Mumbai.

Wo kommen sie her und warum gibt es davon so viele, fragte ich mich. Später erfuhr ich dann die Ursachen. Indien befindet sich in der Industrialisierungsphase. Anders aber als für Europa im 18. und 19. Jahrhundert gibt es kein Amerika und kein Australien mehr, wohin man das Übermaß einer rapide wachsende Bevölkerung exportieren könnte. Das demokratische System des Landes erlaubt auch keine rigorose Ein-Kind-Ehe-Politik wie beim Nachbarn China. Der Klimawandel tut sein Übriges: waren es früher meist drei Ernten im Jahr, führen heute die langanhaltenden Trockenperioden allzu oft zum Ausbleiben mindestens einer Ernte. Die Bauern, die für 40 Rupien am Tag (80 Cent) auf den Feldern schuften, können unmöglich Geld sparen, um Hungerzeiten zu überstehen. Manche halten einen Ernteausfall mit Hilfe von Freunden und Verwandten aus, eine darauffolgende Überschwemmung als Folge von Klimaverschiebung und radikaler Abholzung fast aller Wälder außerhalb der Nationalparks können aber viele nicht mehr verkraften.

Bei der Arbeit auf den Reisfeldern stehen die Inder den ganzen Tag im Wasser.
Bei der Arbeit auf den Reisfeldern stehen die Inder den ganzen Tag im Wasser.

Was bleibt ist der Weg in die große Stadt, wo es offensichtlich von allem so viel gibt. Nur eben leider keine Arbeit. Ganze Familien kaufen sich von ihrem letzten Geld eine Fahrkarte und landen in den riesigen Slums der Vorstädte. Wer als Tourist ins Zentrum von Mumbai oder einer anderen großen Stadt kommt, wird davon meist nicht viel bemerken. Wer sich aber aufmacht, an den Rand der 16-Millionen Metropole, wird die größten Slums der Welt sehen und möglicherweise viele Dinge hinterher etwas anders sehen. Ich war schon überall auf der Welt: in Brasilien, Venezuela, Mexico, Ägypten, Thailand, Algerien, Marokko und bin überall auch in den Favelas, Barrios, Slums und Elendsvierteln gewesen. Aber was ich in Indien gesehen habe, war eine ungeahnte Dimension der Armut und hat mir erst einmal wieder klargemacht, wie unglaublich reich wir hier sind und wie wichtig es ist, etwas davon abzugeben.

Mumbai, Gateway of India
Mumbai, Gateway of India.

Karte von Inien.
Karte von Indien.

Reise nach Hampi

Tourismus ist eine Möglichkeit, Geld in andere Länder zu bringen. Vor allem aber erlaubt er, andere Menschen und ihre Lebensweisen kennen zu lernen. Trotz (oder wegen?) der einfachen Lebensumstände sind die Inder meist sehr heiter und locker. Ständig wird man nach dem woher und wohin gefragt und kommt schnell in Kontakt mit den Menschen. Wir hatten Mumbai rasch satt und sind mit dem Schlafwagenzug nach Hospet, einer quirligen Kleinstadt 16 Kilometer vor Hampi. Von dort gelangt man mit Bus oder Motorrikscha nach Hampi, der ehemaligen Hauptstadt eines der größten Hindukönigreiche des indischen Subkontinents (1336 – 1565). Hier stehen gewaltige Tempelanlagen, teils heut noch in Funktion, zum größten Teil aber von den damals siegreichen Moslems zerstört und momentan im Stadium der Restauration. Ringsum erstrecken sich gigantische Felsareale, die aus Granitblöcken und Blockhaufen bestehen, die bis zu 50 Metern Höhe besitzen.

Boulder- und Kletterführer kann hier bestellt werden.

friend.
Um etwas Ruhe vor den anderen Touristen zu finden, überquert der ambitionierte Boulderer den Tungabhadra Fluss mit der Fähre und findet auf Hampi-Island eine gemütliche Strohhütte oder einen kleinen Bungalow möglich nahe an den Felsen.

Egg Boulder, Hampi.
Dali Boulder, Hampi.

Reisterassen bei Sonnenuntergang.
Reisterassen bei Sonnenuntergang.

Wer Lust auf internationales Flair hat, checkt im „Goan Corner“ ein, wer authentisches indisches Essen mag und mehr Ruhe bevorzugt, findet bei Frau Begum sowohl eine gastfreundliche Unterkunft als auch die liebevoll handgezeichneten Topos. Diese Topos hat Harry Vierroth gemacht, ein Berliner Urgestein, der die Kletterentwicklung in Hampi geprägt hat, wie kaum ein zweiter und seit 15 Jahren regelmäßig in der Trockenzeit hier ist. Harry hat uns die schönsten Felsreviere gezeigt und trotz einer angebrochenen Hand so manchen schweren Boulder mit uns gezogen.

Harry Vierroth an derberühmten 90-Grad Kante.
Harry Vierroth an derberühmten 90-Grad Kante.


Karte von Hampi. (ganz unten in Originalgröße downloaden)

Klettern

Gebouldert wird morgens und abends, tagsüber sollte man wegen der Hitze lieber zum Stausee Baden oder einfach gar nichts tun. Fast alles in Hampi ist fußläufig erreichbar, so dass der Aufenthalt sehr entspannend ist. Bouldermatten kann man ebenfalls bei Begam ausleihen, nur Kletterschuhe, Chalk und Fingerkraft sollte man mitbringen.

Kantenboulder auf dem Rockplateau.
Kantenboulder auf dem Rockplateau.

Das Gestein ist ein überaus vielfältig strukturierter Granit mit Reibung, senkrechten technischen Klettereien, Überhängen und Rissen. Der Schwerpunkt liegt bei kleingriffigen Fingerkraftproblemen. Hampi ist ein Weltklassebouldergebiet, für das man mindestens zwei Wochen einplanen sollte. Neben den Bouldern gibt es auch ein paar Routen, die meisten davon sind allerdings selbst abzusichernde Risse. Einmal auf den Rishimukfelsen zu klettern (50 Meter, ein paar Bolts und Keile), sollte man sich wegen der atemberaubenden Aussicht aber auf kein en Fall entgehen lassen.

Blick vom Rishimukfelsen.
Blick vom Rishimukfelsen.

 

Badami

Badami ist etwa 200 km von Hampi entfernt. Die Zugfahrt dahin dauert mindestens 4 Stunden. Das direkt neben der Stadt gelegene Sandsteinklettergebiet bietet Kletterrouten für etwa eine Woche und ist eine schöne Abwechslung zum Bouldern.

Der Sandstein ist bombenfest und lockt mit schönen Gesteinsformationen und einem Farbenspiel zwischen Orange und Rot. Wie auch in Hampi ist hier das UNESCO-Weltkulturerbe in Form von Tempeln beheimatet. Die Höhlentempel sind der Grund für einen intensiven einheimischen Tourismus. Die vielen Ausländer, welche Hampi überschwemmen, trifft man hier kaum an.

Sandsteinfelsen von Badami.
Sandsteinfelsen von Badami.

Highball-Boulder in Badami.
Highball-Boulder in Badami.

Die Affen sind niedlich aber kleptomanisch.
Die Affen sind niedlich aber kleptomanisch.

Karte von Badami
Karte von Badami. (klicken zum vergrößern)
 

Entspannen

Zum Abschluss der Reise mussten wir natürlich auch einen der Strände des Bundesstaates Goa aufsuchen, um die Seele baumeln zu lassen. Wir haben uns für Palolem entschieden, da hier ein eher ruhiges Ambiente herrscht, im Gegensatz zu einigen stränden im Norden, die fest in der Hand der Party-People sind. Erstaunlicherweise gab es hier auch ein paar Felsen direkt am Strand, so dass ich trotz völlig kaputtgekletterter Finger noch einmal Hand anlegen musste.

Haizahnboulder am Palolem Beach.
Haizahnboulder am Palolem Beach.

 

Infos zum HerunterladenGröße
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Hampi_Uebersicht.pdf1.47 MB