Ein fast ganz normaler Klettertag

von Erhard Klingner

Ich muss eigentlich nicht immer mehr Klettern im Alter Ü 70. Aber trotzdem tue ich es und das seit 52 Jahren. Und noch schlimmer: Ich weiß nicht mal warum. Zumal mir ja in den letzten Jahren bewusst ist, dass man sich beim Klettern im Elbsandstein in Gefahr begibt. Und wer sich in Gefahr begibt…Ich will nicht umkommen, ich will leben! Ich will klettern und leben. Aber leichter Klettern ist auch keine Lösung. Und was hilft da? Genau, viel klettern. Das hatte ich den ganzen Winter mal wieder in der Kletterhalle getan. Aber das Ergebnis war bei den ersten Freilandversuchen eher enttäuschend. Das Wetter, falsche frauliche Familienplanung (Ostseeurlaub im Juni!) und Altersangst (Ja, das gibt es, liebe junge Bergfreunde!) ließen mich bis in den Juli hinein erstmalig immer noch nicht zu alter Stärke finden.


Erhards Kletterkamerad Reisi hoch über dem Elbtal

Auch einige Boulderstunden am Gohrischstein und Topropeversuche an schweren Routen (verboten, sagt meine innere Stimme) halfen nicht. Und eine Woche zuvor wäre ich beinahe an der Westkante des Zwerges VIIa runtergefallen. Jetzt war sogar noch die Moral weg. Das sollte sich ändern.

Nach einer Woche auf meiner Hütte in Gohrisch mit vielen Normalwegen auf Hunskirche und Narrenkappe (da bin ich „Hausmeister“) hatte ich ein gutes Gefühl. Und als mein alter Bergfreund Reisi wieder mal (kurz vor seiner Herzoperation) richtig klettern wollte, war das der Anlass für einen Klettertag wie in alten Zeiten. So war der Plan. Und der ließ sich nur auf der tschechischen Seite unseres Elbsandsteingebirges verwirklichen. Denn meine Mut machenden Wege müssen lang und gut gesichert sein. Deshalb geht es wieder mal, wie so oft mit Peter, in die tschechischen rechten Elbwände unterm Belvedere. Das mein Lieblingsklettergebiet in den letzten ängstlichen Jahren seit 2006 ist (damals: Glück und Knochen, wie leicht bricht das o.s.ä.). Ich sag immer zu Hause in der warmen Stube, dort kannst du sicher klettern, aller sechs Meter kommt ein silbernes Häkchen (oder ein guter Ring von Herrn Kohbach). Die Wirklichkeit sieht dann immer etwas anders aus, die Abstände kommen Dir dann immer größer vor, vor allem, wenn du mal fünf Meter über dem letzten Haken stehst.

Erste Zweifel am Erfolg kamen mir diesmal schon beim Parken am Belvedere. Wir zwei dünnen, alten Berggeister sahen eher aus wie der Ritter von der traurigen Gestalt als wie kühne Bergsteiger. Und Manfred hat ja sowieso immer nur die abgetragenen alten und viel zu großen Klamotten seiner Vorfahren an. Immerhin haben wir diesmal keine lästernden sogenannten Bergfreunde mit uns; solche, die das Ticken von Manfreds künstlicher Herzklappe mit dem einer unregelmäßig gehenden Uhr verwechseln und meinen athletischen Körper mit dem alter Männer vergleichen. Solche brauchen wir nicht. Wir sind allein an diesem herrlichen Wochentag.

An diesem idealen Tag, schön kühl, mit wolkenverhangenem Himmel, nach etlichen heißen Tagen, laufen wir über den botanisch wertvollen Höhenwanderweg zu unseren Felsen. Vorbei allerdings auch am Friedhof von Elbleiten(Labska Stran) mit den dort ruhenden deutschen Vorbewohnern. Da wollen wir heute nicht hin, später wäre es ein guter Platz für immer. Der nächste beeindruckende Ort auf dem Weg zum Einstieg ist genau so gedankenschwer. Auf halbem Wege die Schlucht hinunter liegen die Reste der Teufelsmühle. Einen romantischeren, aber für die damaligen Menschen unwirtlicheren Ort, kenne ich kaum. Endlich sind wir am Wandfuß des „Prediger“, allein unter der etwa 60 m hohen und 2 km langen Felsmauer, nur die Vögel im Wald haben etwas zu sagen auf ihre wundervolle Art. Wir sind im schönsten Klettergebiet Europas, wie es mein Bergfreund Peter nicht nur sagt, sondern auch meint. Und er muss es ja wissen, er hat dort außer den meisten und besten Erstbegehungen auch nicht viel anderes im Leben gemacht. Wahrscheinlich aus Dankbarkeit dafür gab er den Tschechen vor vielen Jahren sein Auto samt Papieren, Wert- und Klettersachen. Vermutlich kannten ihn ein paar Leute nicht, weil sie keine Biertrinker oder Kletterer waren. Denn andere, wie die Wirtsleute vom Belvedere haben ihm sogar ganze Wände mit Fotografien seiner Klettertaten gewidmet. Allerdings hat er dazu auch als Stammgast mit seinem zweiten Hobby Biertrinken beigetragen.

  Erhard an der Mala Basta      

Reisi am Minarett

Nun wird es also ernst. Über uns zieht eine Ringreihe senkrecht nach oben. Aller etwa sechs Meter kommt ein Ring im schönsten Kletterweg der unteren Schwierigkeitsskala der gesamten Sächsisch- Böhmischen Schweiz, des „Wau Wau“ VIIa. Natürlich von Peter, vor wenigen Jahren erstbegangen. Damit hat er auch unserem nur einmal jährlich aktiven Kletterklub der Über – 60 – jährigen sächsischen Kletterinvaliden ein Denkmal gesetzt. Denn viele seiner Bergfreunde haben ihn bei seiner Erstbegehung und dem Schlagen der vielen Ringe begleitet, auch ich als selbsternannter Klubsekretär. Aber heute kostet es mich doch einige körperliche Mühe und moralische Überwindung, den bekannten und beliebten Weg Rotpunkt zu begehen. Da darf man sich nicht entmutigen lassen, so früh fällt wahrscheinlich älteren Leuten (zu denen ich mich 69 Jahre lang nicht gezählt habe) der erste Kletterweg am Tag schwer, so tröste ich mich. Das Wandbuch bestätigt meine Bewunderung für den schönen Kletterweg. Es sind schon viele Begeher hier unterwegs gewesen und einer hat vor mir sich zu der zusätzlichen Eintragung und Einschätzung „belissimo“ verstiegen. Also, bitte, keine Reklame mehr machen.
Manfred steigt locker nach, als wollte er demonstrieren, dass er schon immer der bessere Kletterer war. Er, der unsportliche Wenigredner, denke ich ein bisschen neidisch.
 

  Reisi im „Wau Wau“ am Prediger:

Nach einer reichlichen Stunde stehen wir wieder am Wandfuß und laufen südwärts nicht weit zum „Steuermann“. Dort, im imposanten Felskessel, wo sich am Wochenende die Kletterer „das Seil in die Hand geben“ (und nicht die Tür), ist jetzt wohltuende Ruhe. Da kann ich mir den besten Weg raussuchen. Möglichst noch mal plaisier soll es sein. Trotz der vielen blinkenden Bohrhaken ist die Auswahl für mich beschränkt. Also erst mal links mein Lieblingsweg „Purpurnes Segel“ VIIa. Aber aufgepasst, die Wege im deutschsprachigen Kletterführer „Elbtal“ sind ein bis zwei Grade leichter eingestuft als in Sachsen; behaupten wir, die Tschechen nicht. Ich sag immer, wer den Einstieg bringt, kommt den Rest gut hoch.
Vorm ersten Haken sollte man aber nicht runterfallen, dann immer den Haken nach. Komisch, es kommen fast zehn Stück, aber keiner ist zuviel. Bald stehen wir wieder unten. Ich nutze das hängen gebliebene Doppelseil, um noch einen schönen alten Weg links von unserem, eine Rissverschneidung VIIb, Toprope zu klettern. Am Ring in 25 m Höhe angekommen durchläuft mich ein wohliger Schauer. Am scharfen Ende des Seiles wäre ich mehrmals tot gewesen. Wer klettert das und warum?

Nun geht’s rüber zum „Rentner im Garten“ VIIb; natürlich wie der Name schon sagt, auch ein Weg von Peter. Etwas gesucht, aber im oberen Teil kommt eine sagenhafte Plattenwand wie im Klettermärchen. So haben wir das Seil wieder oben und ich kann meinen zweiten Lieblingsweg klettern, „Scorbut“ VIIIa. Aber dieser Weg liegt mir. Er ist wahrscheinlich nur deshalb so hoch eingestuft, weil er im unteren Teil so schlecht gesichert ist. Gerade dort, wo meine Moral besonders schnell in den Keller geht. Nur einmal im Leben habe ich den Weg im Vorstieg gemacht, aber da war Vanessa Su an meinem Seil. Was man nicht alles so macht, wenn ein hübsches junges Mädchen dabei ist! Schön blöd damals; jedenfalls gibt es ein paar gute Fotos davon. So, nun habe ich mich richtig eingeklettert. Aber die Kraft ist weg, die riesigen steilen Wände rechts bleiben wie immer für mich verschlossen und es ist vermutlich weiterhin nur dummes Gerede von einer geplanten Steigerung meines Könnens. Zumindest kann ich aber wieder davon träumen, auch weil mir erst letztens die jungen Leute einmal das Seil dort von oben gegeben haben und ich nun weiß, wie sich die allerbeste aller Klettereien anfühlt. Aber mehr auch nicht. Und da tröstet mich auch der Spruch nicht, dass nur ein alter Bergsteiger ein guter ist. Das hat für mich noch nie gegolten, denn alt fühle ich mich immer noch nicht!

  Vanessa Su am Steuermann    

  Die rechte Wand am Steuermann    

P.S.: Ende August habe die Ärzte meinen Freund Manfred wieder mal erfolgreich „repariert“. Nun geht er schon wieder wandern. So hält ihm also das Schicksal noch viele Stunden an seinen geliebten Felsen wieder bereit!

Mehr von Erhard gibt es:

hier: http://geoquest-verlag.de/?q=node/575

hier: http://geoquest-verlag.de/?q=node/372

hier: http://geoquest-verlag.de/?q=node/60

und auf www.barbarine.de