Mein letzter Sturz


Eine unglückliche Klettergeschichte 2016 im Trentino von Erhard Klingner

Vielleicht war es wirklich mein letzter Sturz, beim Klettern. Wobei es ja so ist, dass ein guter Kletterer nie stürzt. Und eigentlich gibt es nur gute Bergsteiger, die anderen leben ja nicht mehr – wie Reinhold nach dem dritten Glas Rotwein meinte. Sowieso nicht ganz ernst gemeint; er der große Meister gibt ja selbst gern zu, dass er auch viel Glück hatte. Aber er meint sicher: Glück in den Bergen hat nur der Tüchtige! Ich füge hinzu: Und der Kluge, eben wie Reinhold und ich meine das auch so. Weil ich weder tüchtig noch klug bin. Habe mich nur bemüht (wie ich es meiner Mutter am Sterbebett versprechen musste) und das reicht eben nicht.

Am Jahresende 2015 habe ich zum 20-jährigen Jubiläum einer Kletterzeitung mein Kletterleben aus kritischer – humoristischer Sicht vorbeiziehen lassen, s. „klettern“ 3/2016. Das sah allerdings ziemlich traurig und erfolglos aus. Da haben sicher viele auf meine Kosten gelacht. Aber immerhin überlebt. Das allein ist eigentlich kein Verdienst. Bei mir scheint eine ganze Portion Glück dabei gewesen zu sein. Dieses sollte allerdings im Leben nicht überstrapaziert werden. Aber leider schein Alter nicht vor Torheit zu schützen.
Nun, im 73. Lebensjahr, sollte endlich ein vernünftiges gutes (Kletter-) Leben beginnen. Ein an Erfolgen und Misserfolgen reiches und ziemlich leidgeprüftes Leben sozusagen neu beginnen. Aus Fehlern lernen, neue nicht mehr machen. Die Voraussetzungen waren also gut, die Vorsätze auch. Aber es kommt im Leben meist anders als man denkt. Der Mensch denkt und Gott lenkt, oder wie auch immer. Bei mir scheint immer ein anderer zu lenken. Und so war es:
In Juni stand diesmal die jährliche Bergfahrtmit meinen Schweizer Freunden an. Altersgemäß besonders plaisier an den Gardasee. Zwar hatte ich diesmal schon von der Jahreszeit her meine Bedenken (zu warm), aber die Aussicht auf weinhaltiges anstrengungsloses Klettervergnügen ließ mich leicht umstimmen. So trafen wir uns eines Sonntags vor der Pizzeria Guaita in Pietramurata, unserem Standquartier. Zwar an der Hauptstraße, aber es wäre die beste Pizza unter der Sonne Trentinos, wie Erwin in jahrelangen Selbstversuchen erkannt hat. Wir konnten es dann täglich bestätigen. Auch der Rotwein war der beste; ich bekam erst am letzten Tag unter großen Schmerzen mit, dass der Merlot im Weindepot des Dorfzentrums aus einem tankstellenartigen Großbehälter abzufüllen war. Nach dem Motto: Geradezu in Strömen floss der Wein, die Trentiner schenken ihn sich gegenseitig ein...

      
Blick von der  Pizzeria


Ja, vielleicht war auch das Essen und der Wein der Grund für mein folgenschweres Versagen. Noch besser passt das Sprichwort: Wenn es dem Esel zu wohl wird, geht er aufs Glatteis! Jedenfalls, um der Wahrheit Genüge zu tun: Wir waren zum Klettern hergekommen. Und ich war in Form; wenn es keinen Spiegel gegeben hätte, mein Alter wäre nicht zu sehen und sowieso nicht zu spüren. Im Gegenteil, ich meinte damals mit jedem Tag, mit jedem Klettermeter immer jünger zu werden. Vielleicht war das schon der zweite Fehler. Gleich der erste Kletterweg war ein Traum: Eine weiße Wand überm Sarcatal bei Sarche. Alles war wie gewünscht, feiner weißer gut gesicherter Fels mit ebenem kurzen Zustieg. Ich durfte vorsteigen, Sepp und Erwin hinterher. Und vor uns eine polnische Seilschaft, das Mädel, Magdalena (28), jung und hübsch, er, Gregor, nicht. An einem Standplatz verriet er mir seine Hobbys: Klettern, Musik und Sex! Ich hätte gern getauscht. Nach 11 Seillängen war der Klettertraum vorbei: Limaro Wand, Amazonia, 250m, 5b.

     
        Sepp Kilchör                                                     Erwin Kilchör

Am nächsten Tag durfte ich über einen weiteren steilen Felspfad dem (Kletter-) Himmel entgegensteigen. Bei Arco am Colodri den Aspedanto Martino 5c, 180m, 6 Seillängen. Mit mehreren Quergängen und zwei Rissen mit abgespeckten Stellen. Wir haben dann uns und die Frauen mit Eis und Spaghetti belohnt.
     
Bis dahin war alles im Lot, so konnte es weitergehen. Auch sogar die mein ganzes Leben lang gewünschte Steigerung um einen halben Schwierigkeitsgrad hatte ich immer noch im Blickfeld. Schon dieser Satz lässt den dritten Fehler vermuten. Ach wenn man doch vorrausschauen könnte! Nach einem Ruhetag am Gardasee brach der Schicksalstag an und es folgte eine weitere Klette unglücklicher Umstände. Auch heute noch behaupte ich, wenn ein einziger dieser Ereignisglieder nicht eingetroffen wäre, dann wäre mir viel erspart geblieben. Ja, wäre, wäre, wäre, hätte der Hund nicht geschissen…. Und so war der Tag, Freitag, der 06.06.2016:
Ein traumhafter sonniger Tag überm Trentino, wie immer. Kein Gedanke etwaige kommende Unbilden eines Klettertages. Wir folgten mit dem Auto einem ganz besonderen Klettertipps Erwins, der infolge Zehenschmerzen aussetzen musste. Es ging zur die Rückseite des Monte Baldo hinterm Gardasee. Erwin schwärmte unwiderstehlich von einer Riesenwand unter einem 40m- Dach mit sagenhaften Tropflöchern, die er vor langer Zeit gemacht hatte. Im Dorf Brentino fanden wir unsere Wand weit oben in der waldreichen Ostflanke des Berges. Den Zustieg konnte er noch beschreiben, die Wegbeschreibung selbst blieb trotz aller gut vorgebrachten Emotionen über die Qualität des Kletterweges ziemlich nebulös. So trennten sich in der nun schon späten Vormittagszeit unsere Wege. Erwin blieb am Auto; wir, Sepp und ich, folgten dem einsamen steilen Pfad durch den grünen Dschungel der stacheligen mediterranen Flora. Und schon nach fast einer Stunde standen wir durch viele seilversicherte Passagen schon ein bissl altersgeschwächt am Einstieg. So ein großes Dach kann man trotz Verhauer beim Zustieg kaum verfehlen.

      
     Vorm Einstieg,  ganz unten                   Am Einstieg, das letzte Bild

Jetzt hätte eine Wegbeschreibung richtig gut getan. Es gab ein gutes Dutzend Wege durch die Wand, sogar mit einer Blechplakette gut durchnummeriert, aber der Wegverlauf mit den Hakenspuren verlor sich undurchsichtig in der Höhe. Ich entschied mich für die Nummer 9. Ganz sicher der nächste Fehler; aber das konnte ich damals nicht wissen. Denn über mir in ca. 6m Höhe sah ich einen erreichbaren Haken. Und dann würde es sicher weitergehen.


 
Vielleicht habe ich dieses Bild schon unter großen Schmerzen gemacht; ich weiß es nicht mehr. Jedenfalls stieg ich ein und hatte nicht den geringsten Zweifel an der Durchsteigbarkeit. Ja, eher mit einer gewissen Freude auf das kommende kleine Abenteuer von ein paar unbekannten Seillängen durch diese verhältnismäßige kleine Wand von ca. 200m Höhe. Blauer Himmel, Sonne, hier unten Schatten, ich in bester Form und voller Vorfreude, was sollte da schon passieren. Ich stieg ein und es wurde in drei Meter Höhe schwer und dann noch schwerer, da war ich schon 1m unter dem Haken, konnte aber nicht einhängen. Ich weiß noch wie meine Gedanken fieberhaft arbeiteten. Zuerst: Wieder absteigen und dann, Mensch, noch ein Zug und es geht weiter, ist ja nicht hoch, dann doch noch der Blick nach unten, oh, Scheiße, zu hoch, zu spät, den Zug zum Haken gemacht, aussichtslose Lage, den Finger in den Haken gesteckt, die Wahl, den Finger oben zu lassen oder runterzufallen, wieder rausgezogen, noch ein letzter Zug nach links, wo ich noch einen guten versteckten Griff vermutete, der nicht dort war und dann fiel ich runter in den Dreck, auf Blöcke und Wurzeln! Völlig unkontrolliert stauchte es mich zusammen.
Ab da war meine Gedankenwelt nicht mehr in Ordnung. Obwohl ich völlig unverletzt geblieben war, übermannten mich höllische Schmerzen, überall. Konnte meinen Kopf nicht mehr tragen und sehr schlecht atmen. Um es kurz zu machen, nach einer halben Stunde konnte ich dann sogar wieder laufen, nach unten, ohne Gepäck, das nun der arme Sepp klaglos übernahm. Der Rückweg, insbesondere an den Seilen, war ein Alptraum; das Ergebnis jeder nicht ganz langsamen Bewegung wurde sicher im Tale gehört. Irgendwann waren wir am Auto und im Quartier. Nach ein paar Tagen mit 800km Autofahrt und nach einem Leben als Schmerzensmann wieder zu Hause. Ich hatte wieder einmal einen Fehler überstanden. Ein Fehler, der eine Verkettung vieler völlig ungeahnter Umstände war, in die ich unverschuldet reingeraten war. Ein Außenstehender mag das ganz anders sehen; ich werde mich aber weiterhin standhaft wehren, mich von Alter, Dummheit und unsachlichem Geschwätz oder gar Ratschlägen von Besserwissern runterziehen zu lassen. Ich nicht!!
Erhard Klingner , danach 2016 in Leipzig im warmen ungefährlichen Stübl voller Pläne


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